Der letzte Wille

DerletzteWille01Was schreibt man als Einleitung zu einem Spiel, das Der Letzte Wille heißt? Erschienen ist es letztes Jahr (2011) auf Deutsch beim Heidelberger Spieleverlag. Für alle, die den Begriff "Der letzte Wille" nicht kennen sollten, Testament ist in meinen Augen eine andere Bezeichnung dafür. Also ein Schreiben, in dem ein Mensch festlegt, was mit seinem Hab und Gut nach dem eigenen Tod geschehen soll.

Auf den ersten Blick sieht es ja aus wie ein stattliches Anwesen, das Gebäude auf dem Cover, schaut man aber genauer hin, erkennt man die Mängel. Sowohl Dach als auch einige Fenster sind zerstört, die linke Seite des Gebäudes muss sogar abgestützt werden. Der Sessel, auf dem der Erbe sitzt, hat ebenfalls schon bessere Zeiten gesehen. Auch ein Bild des Onkels ist zu sehen.

DerletzteWille02Die Gewinner der industriellen Revolution haben im viktorianischen England zur Bildung einer wohlhabenden bürgerlichen Oberschicht geführt. Sie gehören leider nicht dazu. Aber sie haben einen Onkel, der einer dieser glücklichen Neureichen ist - nun, vielleicht nicht ganz so glücklich, denn er ist kürzlich verstorben. Soweit die Vorgeschichte, die im Text auf der Rückseite noch ausführlicher beschrieben wird. Im weiteren Verlauf wird auch näher auf das Spielgeschehen selbst eingegangen. Zusätzlich liefern die Abbildungen einen ersten Blick auf das Spielmaterial. Eine genaue Angabe des Inhalts findet sich dort ebenso wie die technischen Daten (2-5 Spieler, ab 13 Jahren, ca. 45 - 75 Minuten).

Material und Spielregel
DerLetzteWille03Planungstafel, Kartenangebotstafel und Zusatzangebotstafel sind doppelseitig bedruckt, welche Seite und Tafel man verwendet ist von der Spielerzahl abhängig. Diese Tafeln sind ebenso wie die 5 Spielertafeln in den Spielfarben Blau, Grün, Orange, Violett und Gelb und die 12 Spielertafelerweiterungen aus Karton. In der gleichen Kartonstärke sind auch die 4 Modifikationsmarker für den Immobilienmarkt und die 55 Geldscheine (7x 1, 11x 2, 7x 5, 20x 10, 10x 50). Ein Teil des Spielmaterials ist aus Holz. Hierzu zählen die Spielfiguren, das sind  Botenfiguren in Hutform, ebenso wie die übrigen Marker. Die 10 Botenfiguren und 5 Planungsmarker sind jeweils in den Spielfarben. Daneben gibt es noch 5 Aktionsmarker, Gefährtenmarker (10 Hunde, 11 Pferde, 6 Gäste, 8 Köche), 13 Immobilienwertmarker, einen Startspielermarker sowie einen Rundenzähler. Auch 140 Spielkarten im üblichen Format sind enthalten. Hierzu zählen Ereignisse, Helfer und Ausgaben, Immobilien, Gefährten, Sonderkarten, Gefährtenjokerkarten und die Karte Letzter Wille. Die einzelnen Kartenarten haben unterschiedliche Rückseiten.

Natürlich ist auch eine Spielregel enthalten. Auf 12 farbigen DIN A4 Seiten gibt es zunächst eine Einführung in die Thematik, anschließend folgen die üblichen Punkte Spielmaterial, Spielaufbau, Spielziel, Ablauf einer Spielrunde mit einer Beschreibung der Nutzung der Karten sowie dem Geld ausgeben und Spielende und Sieger. Auf der Rückseite gibt es außerdem noch eine Erläuterung der unterschiedlichen Kartensymbole.

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Spielziel
Der Onkel ist gestorben und hat in seinem letzten Willen verfügt, dass derjenige, der am schnellsten eine bestimmte Summe ausgibt, sein ganzes Vermögen bekommen wird. Somit versuchen alle Spieler, diese Summe schnellstmöglich auszugeben.

Spielvorbereitung
Je nach Spielerzahl wird der Spielplan aus Planungstafel, Kartenangebotstafel und möglicherweise Zusatzangebotstafel zusammengesetzt. Der Rundenzähler kommt auf das Feld 1 der Planungstafel (links oben), die Modifikationsmarker werden zufällig auf den Immobilienmarktbereich gelegt. Die Karten mit den unterschiedlichen Rückseiten werden gemischt und neben dem Spielplan bereit gelegt. Die Sonderkarten werden außerdem so gestapelt, dass zuunterst die Karten mit den 3 Kronen liegen. Nur im ersten Spiel werden die Karten "Letzter Wille" nicht benutzt und in die Schachtel zurückgelegt. Die Marker und Geldscheine werden griffbereit neben dem Spielplan abgelegt.

Nun bekommen die Spieler noch eine Spielertafel sowie die Botenfiguren und den Planungsmarker in ihrer Farbe und einen Aktionsmarker. Im ersten Spiel gibt es außerdem 70 Pfund für jeden Spieler, in späteren Partien kann die Höhe des Startkapitals durch eine Karte Letzter Wille bestimmt werden. Spielt man zu Zweit bekommt jeder Spieler einen zusätzlichen Planungsmarker in einer anderen Farbe.

Nun zieht jeder Spieler 3 Karten vom Stapel der Ausgaben- und Helferkarten und 3 Karten vom Immobilienkartenstapel.

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Spielablauf
Gespielt wird über höchstens 7 Spielrunden, die jeweils aus den Phasen Aufbau, Planung, Botengänge, Aktionen und Rundenende bestehen. Sobald ein Spieler ohne Immobilien sein ganzes Geld ausgegeben hat, wird nur noch die laufende Runde zu Ende gespielt. 

DerLetzteWille03Zunächst werden die Kartenangebotstafeln des Spielplans mit Karten bestückt. Die Piktogramme auf dem Plan geben an, welche Karten wann in welchen Bereich gelegt werden.

Anschließend setzen die Spieler reihum ihre Planungsmarker ein und wählen so die Anzahl der Karten, die sofort gezogen werden, die Anzahl der Boten, die eingesetzt werden und die Anzahl der Aktionen, die zur Verfügung stehen. Die Position der Marker legt außerdem die Reihenfolge der Spieler fest. Entsprechend dieser Reihenfolge werden nun die Boten auf den Plan gesetzt. Die jeweiligen Handlungen, also Immobilienpreise beeinflussen, eine Karte von einem der normalen Stapel ziehen, eine Spielertafelerweiterung einsetzen oder eine der aussliegenden Karten nehmen, werden sofort ausgeführt.

DerLetzteWille03In der Aktionsphase sind die Spieler entsprechend ihrer Position auf der Planungstafel am Zug. Jeder Spieler setzt seinen Marker auf die Zahl, die der Anzahl seiner Aktionen entspricht. Es können sowohl Karten aus der Hand ausgespielt werden, hierbei kommen schwarzgerahmte auf ein freies Feld der Spielertafel, die übrigen Karten auf entsprechende Ablagestapel, als auch ausliegende Karten aktiviert werden. Einige Karten kosten keine Aktionspunkte, für andere sind dagegen mehrere nötig. Sein Geld wird man durch Immobilien los, diese können Geld für den Unterhalt verschlingen, wenn dort beispielsweise ein Gärtner aktiv ist, oder an Wert verlieren, wenn sich niemand darum kümmert. Aber auch Aktivitäten wie ein Theaterbesuch oder eine Bootsfahrt, am besten noch in Begleitung, kosten Geld. Immobilien stellen immer einen gewissen Wert dar, daher sollten sie zum richtigen Zeitpunkt verkauft werden.

Das Spielende wird eingeläutet, sobald ein Spieler weder Immobilien noch Geld besitzt und Bankrott erklärt, spätestens aber in der siebten Runde. Die laufende Runde wird noch beendet. Der Spieler mit den meisten Schulden gewinnt. Hat niemand Schulden gemacht, so gewinnt der Spieler mit dem geringsten Geld- und Immobilienbesitz.

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Fazit
Gegen das Spielmaterial von Der letzte Wille lässt sich nichts sagen. Die einzelnen Spielsteine lassen sich gut auseinander halten, entweder durch ihre Farbe oder ihre Form. Auch die Piktogramme auf dem Spielplan sind fast selbsterklärend, spätestens nach der ersten Partie weiß man worum es geht. Anders ist es schon mit den Piktogrammen auf den Karten. Bei einigen muss ich trotz vieler Partien immer noch nachschauen, was sie denn bedeuten. Die Bilder auf den Plänen und besonders auf den Karten gefallen mir wirklich gut. Aber Optik ist ja auch immer eine Frage des persönlichen Geschmacks. 

Die Spielanleitung schwächelt dagegen etwas. Zum Einen habe ich keine Angaben zur Anzahl der Gefährten- und Immobilienmarker gefunden, wirklich wichtig ist dies aber nicht, da diese, zumindest in meinen Spielrunden, immer ausreichten. Zum Anderen werden die einzelnen Bereiche des Spielplans in der Anleitung nicht erklärt. Begriffe wie Immobilienmarktbereich fallen zwar, wo genau dieser zu finden ist wird aber nicht gesagt. Und beim Platzieren des Rundenzählers heißt es nur "Der Rundenzähler wird auf das Feld "1" der Planungstafel gesetzt", wo genau sich dieses befindet aber nicht näher erläutert. Anhand des gesunden Menschenverstandes und der Abbildungen kann man die Vorbereitungen für das Spiel aber tätigen.

Der letze Wille ist ein Wirtschaftsspiel, allerdings eines der anderen Art. Nicht Kapital anhäufen, sondern der Bankrott ist Ziel des Spiels. Mir persönlich gefällt das Thema gut. Endlich einmal nicht sparen und optimieren zu müssen, sondern sein Geld mit vollen Händen ausgeben zu können ist schön. Denn wann gönnt man sich sonst einen Opernbesuch oder fährt gar mit der Kutsche zur Bootsfahrt? Doch gezielt Geld ausgeben ist garnicht so einfach.

Bis der Spieler wirklich bankrott ist gilt es einiges zu entscheiden. Soll man in der Planungsphase eher Wert darauf legen, möglichst viele Karten zu ziehen, aus der Runde zuvor darf man nämlich meist nur 2 Karten auf der Hand behalten, oder möchte man lieber viele Aktionen haben? Mit dem Setzen des Planungsmarkers wird gleichzeitig aber auch die Anzahl der möglichen eigenen Botengänge und die Spielerreihenfolge festgelegt.

Im folgenden sind zahlreiche weitere Entscheidungen fällig, angefangen mit dem Setzen der Boten auf dem Plan über das Ziehen und Auslegen der Karten bis zum Abwerfen überzähliger Handkarten. Wie bei vielen Spielen dieser Art macht eine Partie mit entscheidungsfreudigen Menschen mehr Spaß als mit dem absoluten Strategen, der jede mögliche Entscheidung zunächst gedanklich durchspielt.

Bei Der letzte Wille müssen Karten nachgezogen werden, insofern spielt auch das Glück eine Rolle. Die Kartenart und in Grenzen die Kartenanzahl kann man zwar selbst bestimmen, welche Karten es aber wirklich werden nicht. Daher ist es in jeder Runde nötig, das Beste aus der eigenen Kartenhand herauszuholen.

Mir persönlich gefällt Der letzte Wille, zum einen wegen des nicht ganz so abgegriffenen Themas und des wirklich schönen Materials, zum anderen aber auch wegen dem Glücksmoment des Kartenziehens.

 

Ich danke dem Heidelberger Spieleverlag für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplares

 

Spiel: Der letzte Wille
Autor: Vladimir Suchý
Grafik: Tomas Kucerovsky
Verlag: Heidelberger Spieleverlag, CGE (Czech Games Edition)
Anzahl: 2-5 Spieler
Alter: ab 13 Jahre
Dauer: ca. 45-75 Minuten
Jahr: 2011
Preis: ca. 28 Euro (Stand 05.06.2012)

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